Protrusionsschiene: Was eine Unterkieferprotrusionsschiene ist

Eine Protrusionsschiene, fachlich Unterkieferprotrusionsschiene, ist eine nachts getragene Zahnschiene, die den Unterkiefer nach vorn verlagert und so den Rachen offen hält. Sie wird gegen Schnarchen und gegen obstruktive Schlafapnoe eingesetzt. Standard ist eine zweiteilige, nachstellbare Ausführung aus dem Dentallabor.

📋 Kurz zusammengefasst

Die Unterkieferprotrusionsschiene (UKPS) besteht meist aus zwei Schienen für Ober- und Unterkiefer, die über verstellbare Elemente verbunden sind. Die S1-Leitlinie der zahnärztlichen Schlafmedizin empfiehlt einen Start bei etwa 50 % der persönlichen Vorschubstrecke und eine Nachjustierung in Schritten bis zu einem Millimeter. Die Einstellung läuft in drei Phasen. Gegen Schnarchen empfiehlt die S3-Leitlinie die Schiene in geeigneten Fällen mit Empfehlungsgrad A. Bei Schlafapnoe ist sie seit 2022 unter Bedingungen Kassenleistung.

Was ist eine Unterkieferprotrusionsschiene?

Eine Unterkieferprotrusionsschiene ist ein im Schlaf auf den Zähnen getragenes Gerät, das Unterkiefer, Zunge und Rachenvorderwand nach vorn positioniert und die Atemwege mechanisch offen hält. So beschreibt der Gemeinsame Bundesausschuss die Methode in seinem Beschluss vom 20.11.2020.

Das Wort setzt sich aus drei Teilen zusammen. Unterkiefer benennt den bewegten Knochen. Protrusion bedeutet Vorschub, die Unterkieferprotrusion ist also das Vorschieben des Unterkiefers. Schiene beschreibt die Bauform aus Kunststoff, die auf den Zahnreihen sitzt.

Die S3-Leitlinie zum Schnarchen nennt als Synonyme mandibuläre Protrusionsschiene (MPS) sowie die englischen Begriffe oral appliance (OA), mandibular advancement device (MAD) und mandibular repositioning device (MRD). Im Alltag heißt dasselbe Gerät Schnarchschiene. In Deutschland wird „unterkieferprotrusionsschiene“ rund 4.400-mal und „protrusionsschiene“ rund 3.600-mal im Monat gesucht (eigene Auswertung mit DataForSEO, Abruf 01.10.2026).

Wirkprinzip, Eignung und Wege zur Schiene fasst der Überblick Schnarchschiene: Wie sie wirkt, für wen sie passt und was sie kostet zusammen. Diese Seite vertieft Bauart, Einstellung und Leitlinienstand.

Wie ist eine Protrusionsschiene aufgebaut?

Eine Protrusionsschiene besteht entweder aus zwei getrennten Schienen für Ober- und Unterkiefer mit verstellbaren Verbindungselementen oder aus einem starren Einzelteil. Die S1-Leitlinie empfiehlt für die Langzeitanwendung die zweiteilige, im Labor gefertigte und nachjustierbare Bauart.

Das Zweischienen-System, auch Biblock genannt, verankert sich in beiden Kiefern. Protrusionselemente zwischen den Schienen halten den Unterkiefer vorn. Die S1-Leitlinie verlangt vier Eigenschaften: Verstellung in reproduzierbaren Schritten von bis zu einem Millimeter, mindestens 5 mm Spielraum nach vorn und 1 mm nach hinten, dazu eine stabile Verankerung der Elemente und eine sichtbare Kontrolle der eingestellten Position.

Die KZV Bayerns unterscheidet in ihren Abrechnungshinweisen drei Konstruktionsvarianten: Schienen mit seitlichen Protrusionselementen, Schienen mit einem Element im Mundinneren und sogenannte Flossen-Schienen mit seitlichen Gleitflächen. Alle drei sind zweiteilig.

Die Monoblock-Schiene verbindet Ober- und Unterteil fest. Ihr Vorschub lässt sich nach der Herstellung nicht ändern. Davon zu trennen ist die Herstellung: Eine Boil-and-Bite-Schiene (Drogerie) wird serienmäßig produziert und zu Hause in heißem Wasser angeformt. Die S1-Leitlinie zählt solche konfektionierten Schienen ausdrücklich nicht zu den Unterkieferprotrusionsschienen in ihrem Sinne.

Wie wird der Vorschub einer Protrusionsschiene eingestellt?

Der Vorschub einer Protrusionsschiene wird ausgehend von einer Startposition schrittweise eingestellt. Die S1-Leitlinie empfiehlt einen Start bei etwa 50 % der persönlichen Vorschubstrecke, gemessen im Liegen von der weitesten Rückwärtsposition aus, und eine Nachjustierung in Schritten bis zu einem Millimeter.

Der Protrusionsgrad (Vorschub) ist die zentrale Stellgröße der Schiene. In der Literatur schwanken empfohlene Startwerte zwischen 6 % und 90 % der maximalen Vorschubstrecke, vor allem weil unterschiedliche Messpunkte verwendet werden. Die S1-Leitlinie wählt deshalb die weiteste aktive Rückwärtsposition als Ausgangspunkt, weil sie sich am besten wiederholen lässt. Die Startposition soll außerdem schmerz- und spannungsfrei sein.

Für die Titration, also das schrittweise Nachstellen, gibt es laut S1-Leitlinie kein validiertes Protokoll. Die Expertengruppe schlägt die 3-Phasen-Einstellung vor:

  1. Eingewöhnungsphase: Der Zahnarzt passt die Schiene aus zahnmedizinischen Gründen an, auch in Höhe und Seitenlage.
  2. Titrationsphase: Der Vorschub wird in Schritten bis zu einem Millimeter gesteuert, bis Wirkung und Verträglichkeit passen. Zielgrößen sind Schnarchen, Tagesschläfrigkeit und Messwerte ambulanter Geräte.
  3. Therapiephase: Die Schiene wird möglichst die ganze Schlafzeit getragen. Die erste Kontrolle folgt nach sechs Monaten, danach jährlich.

Die Titrationsphase endet laut Leitlinie, wenn keine Nachjustierung mehr nötig ist, der Patient zufrieden ist und der Schlafmediziner eine ausreichende Wirkung im Schlaf nachgewiesen hat.

💡 Expert Insight

Mehr Vorschub bedeutet nicht automatisch mehr Wirkung. Die S1-Leitlinie hält fest, dass mit zunehmender Nachjustierung eine Wirkung wahrscheinlicher wird, ohne dass ein linearer Zusammenhang besteht. Gleichzeitig steigt die Belastung für Kaumuskeln und Kiefergelenke. Auch die Höhe zählt: Mit zunehmender Bisshebung nehmen laut Leitlinie die absolut gemessene Protrusion und die Bereitschaft zum Tragen ab. Ziel der Einstellung ist deshalb die kleinste Position, die ausreichend wirkt, nicht die weiteste, die der Kiefer erlaubt.

Was sagen die Leitlinien zur Protrusionsschiene?

Drei Regelwerke prägen die Protrusionsschiene in Deutschland: Die S3-Leitlinie zum Schnarchen empfiehlt sie mit Empfehlungsgrad A, die S1-Leitlinie der zahnärztlichen Schlafmedizin regelt Bauart und Einstellung, und der G-BA-Beschluss macht sie bei obstruktiver Schlafapnoe unter Bedingungen zur Kassenleistung.

Die S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Schnarchens des Erwachsenen“ (AWMF 017-068) hat den Stand März 2019. Sie empfiehlt die Schiene in geeigneten Fällen bei Behandlungswunsch mit Evidenzlevel 1b und Empfehlungsgrad A, bei starkem Konsens von 10 zu 10 Stimmen. Anpassung und Kontrolle sollen mit zahnmedizinischer und schlafmedizinischer Expertise erfolgen. Die Leitlinie ist laut AWMF abgelaufen und in Überarbeitung.

Die S1-Leitlinie „Die Unterkieferprotrusionsschiene in der zahnärztlichen Schlafmedizin“ (AWMF 083-045) hat den Stand November 2021 und ist bis November 2026 gültig. Sie verlangt vor jeder Schiene eine ärztliche Überweisung.

Bei obstruktiver Schlafapnoe ist die Schiene seit dem 01.01.2022 Kassenleistung, wenn eine Überdrucktherapie nicht erfolgreich durchgeführt werden kann. Die Bedingungen erklärt „Zahlt die Krankenkasse die Schnarchschiene?“.

⚠️ Wichtiger Hinweis

Eine Protrusionsschiene kann das Schnarchgeräusch dämpfen, während eine Schlafapnoe bestehen bleibt. Wer Atemaussetzer bemerkt oder tagsüber stark müde ist, lässt vor jeder Schiene ärztlich abklären. Den Weg beschreibt Schnarchen ärztlich abklären: Welcher Arzt, welche Untersuchung, welche Behandlung.

Worin unterscheidet sich eine Protrusionsschiene von einer Aufbissschiene?

Eine Protrusionsschiene schiebt den Unterkiefer gezielt nach vorn, eine Aufbissschiene hält ihn in der normalen Bisslage. Die Aufbissschiene schützt vor allem die Zähne beim Knirschen. Gegen Schnarchen wirkt sie laut Studien der S3-Leitlinie deutlich schwächer.

In der Studie von Johnston (2001) mit 28 Teilnehmern diente eine Schiene ohne Vorschub als Placebo. Mit der Protrusionsschiene sank das Schnarchen bei 84 % der Teilnehmer, mit der Schiene ohne Vorschub blieben Schnarchhäufigkeit und Lautstärke nahezu unverändert. Die S3-Leitlinie folgert, dass Schienen ohne Vorverlagerung signifikant schlechter abschneiden.

Die Preisklassen der verschiedenen Schienen zeigt Was kostet eine Schnarchschiene? Preisklassen im Überblick. Ob das eigene Schnarchen zum Wirkprinzip passt, ordnet der Schnarch-Check ein.

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💬 Meine Einschätzung

Die gängige Annahme lautet: Eine Protrusionsschiene ist ein fertiges Produkt, das man einsetzt und trägt. Die S1-Leitlinie beschreibt sie eher als Verfahren. Sie widmet Startposition, drei Einstellphasen und Kontrollen eigene Kapitel. Ihre Kernanforderung, Nachjustierung in Schritten bis zu einem Millimeter, ergibt nur Sinn, wenn jemand nachjustiert. Wer eine Protrusionsschiene in Betracht zieht, fragt deshalb weniger nach dem Material als danach, wer die Titration übernimmt, wie viele Termine eingeplant sind und wie die Kontrolle nach sechs Monaten läuft.

✓ Das Wichtigste in Kürze

  • Definition: Schiene, die Unterkiefer, Zunge und Rachenvorderwand im Schlaf nach vorn positioniert (G-BA 2020).
  • Bauart: zweiteilig, im Labor gefertigt, Verstellung in Schritten bis 1 mm, mindestens 5 mm nach vorn und 1 mm zurück (S1-Leitlinie).
  • 3-Phasen-Einstellung: Eingewöhnung, Titration, Therapie mit Kontrolle nach sechs Monaten und danach jährlich.
  • Startposition: möglichst bei etwa 50 % der persönlichen Vorschubstrecke; Literaturwerte schwanken zwischen 6 % und 90 %.
  • Leitlinienstand: S3 Schnarchen (2019, abgelaufen) Empfehlungsgrad A; S1 Zahnmedizin gültig bis November 2026.

Häufige Fragen zur Protrusionsschiene

Was bedeutet die Abkürzung UKPS?

UKPS steht für Unterkieferprotrusionsschiene. Die Leitlinien verwenden auch UPS, im Englischen sind MAD für mandibular advancement device und OA für oral appliance üblich. Gemeint ist immer eine Schiene, die den Unterkiefer im Schlaf nach vorn hält.

Ist eine Protrusionsschiene dasselbe wie eine Schnarchschiene?

Ja, im Wirkprinzip. Schnarchschiene ist das Alltagswort, Unterkieferprotrusionsschiene der Fachbegriff. Die S3-Leitlinie zum Schnarchen stellt fest, dass sich Schienen gegen Schnarchen nicht von den Schienen gegen obstruktive Schlafapnoe unterscheiden.

Wie viele Millimeter schiebt eine Protrusionsschiene den Unterkiefer vor?

Eine feste Millimeterzahl gibt es nicht. Die S1-Leitlinie bezieht den Vorschub auf die persönliche Strecke zwischen weitester Rückwärts- und Vorwärtsposition. Der Start liegt möglichst bei etwa der Hälfte, die Nachjustierung erfolgt in Schritten bis zu einem Millimeter.

Wer stellt die Protrusionsschiene ein?

Die Durchführung der Nachjustierung liegt laut S1-Leitlinie allein beim Zahnarzt. Über den Bedarf entscheiden überweisender Arzt und Zahnarzt gemeinsam. Bei diagnostizierter Schlafapnoe bestätigt der Schlafmediziner am Ende die Wirkung mit einer Messung.

Quellen und weiterführende Literatur

Die Angaben stützen sich auf Leitlinien, den G-BA-Beschluss und Abrechnungshinweise der KZV Bayerns, abgerufen am 01.10.2026. Die S3-Leitlinie zum Schnarchen ist abgelaufen, die S1-Leitlinie gilt bis November 2026.